Mein Name ist Hermann Winkler. Ich arbeite als Lehrer an der Gesamtschule Mümmelmannsberg, neige mich langsam aber sicher den sechzig Jahren zu und wohne alleine in einem Haus. Früher, als ich noch klein war, hätte ich nie gedacht, dass ich irgendwann mal Lehrer werde. Damals hatte ich einen völlig anderen Traumberuf, den ich an dieser Stelle nicht erwähnen möchte. Ich hätte auch nie gedacht, dass mir das, was mir in diesem Augenblick passiert ist, irgendwann einmal passiert – ich sitze geknebelt im Besenschrank der Schule. Es ist dunkel, ich bekomme kaum Luft und meine Gliedmaßen schmerzen.
Ich stecke in diesem Schlamassel wegen einen meiner Schüler. Der Vorfall begann vor einer Woche.
Montag, 13. September 2004 in Hamburg
Das vergangene Wochenende war überraschend angenehm und ließ einen vielversprechenden Wochenstart vermuten. Ich wurde an diesem Montagmorgen wie gewohnt um 5 Uhr wach. Träge zog ich die am Vortag vorbereiteten Kleidungsstücke über, frühstückte eine Kleinigkeit und fuhr mit dem Auto zur Schule, die ich kurz nach 7 Uhr erreichte. Ich parkte das Auto hinter den Sporthallen auf den Lehrerparkplätzen und ging schnurstracks zum Lehrerzimmer. Dort angekommen stellte ich fest, dass ich noch ausreichend Zeit zur Verfügung hatte und nahm ein paar Vorbereitungen vor. Ich kopierte die heutigen Aufgabenblätter und sammelte für die Hausaufgaben passende Seiten im Schulbuch.
Die erste Schulstunde begann pünktlich um 8 Uhr, jedoch sollte mein Schicksal erst in der zweiten Stunde besiegelt werden.
Als ich in die Klasse 10b eintrudelte, war es in der fünfminütigen Pause verhältnismäßig still. Mit dem Beginn des Unterrichts, ging auch das Geplapper los. Nachdem sich die Schüler einigermaßen beruhigten, machte ich eine wichtige Ankündigung. Daraufhin ging das Geplapper erneut los und so sah ich mich dazu gezwungen, einen der Schüler aus dem Unterricht zu verweisen.
Meine Augen stocherten von Schüler zu Schüler, bis ich den richtigen Kandidaten für meinen Zweck entdeckte.
Es handelte sich um Luca. In der Regel war er ein netter, kluger und aufmerksamer Schüler, den ich im Großen und Ganzen eigentlich mochte. Dennoch musste ich eingestehen, dass ich ihn bisher nur einmal aus dem Unterricht warf. Die Gelegenheit bot sich geradezu an – so dachte ich jedenfalls.
Entschieden hob ich meinen Arm und deutete mit dem Zeigefinger auf ihn: »Luca, raus!«
Zu meiner Verwunderung ging er hinaus ohne ein protestierendes Wort zu sagen.
Ein paar Schüler aus der Klasse schlugen entsetzt ihre Hand vor den Mund. Andere flüsterten sich gegenseitig zu: »Wie bitte? Luca, Luca fliegt raus? Dreht Herr Winkler jetzt völlig am Rad?!«
Im ersten Moment verunsicherten mich ihre Stimmen. Ich begann schon fast an meiner Entscheidung zu zweifeln, bis ich bemerkte, dass mein Gewissen von meinem zufriedenen Überlegenheitsgefühl überwogen wurde.
Im Nachhinein bin ich überzeugt, dass der Rauswurf etwas bei den Schülern bewirkt haben muss, denn nun blieben sie still und ich konnte den Unterricht nach meinen Wünschen fortsetzten. Zuerst kontrollierte ich die Arbeitszeit-Aufgaben und führte danach lehrplangemäß das Schulthema Japan fort.
Während der Schulstunde versuchte mich der ein oder andere daran zu erinnern, dass Luca noch immer draußen sei. Aber ich antwortete lässig: »Lasst ihn auch mal spüren wie es ist vom Unterricht ausgeschlossen zu sein.«
Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund musste ich innerlich schadenfroh kichern.
Über den restlichen Tag kann ich mich nicht beschweren. Es schlichen sich zwar noch immer ein paar nervige Schüler ein, die versuchten meinen Unterricht zu stören, aber keiner von ihnen war so unerträglich wie die 10b. Luca habe ich während des restlichen Tages nicht mehr gesehen. Das war mir ehrlich gesagt aber auch lieber so.
Als ich am späten Nachmittag meinen wohlverdienten Feierabend hatte, war ich heilfroh nach Hause zu kommen. Auf dem Weg zu meinem Auto sog ich genussvoll die kühle, aber dennoch angenehme Luft in mich ein und tankte die letzten Sonnenstrahlen die mir der Tag noch zu bieten hatte.
Erst als ich nichts ahnend über den Fußballplatz neben den Sporthallen schlenderte, bemerkte ich eine auffällige Person die an der Fahrertür meines Autos fummelte. Zunächst nahm ich an, dass die Person versuchen würde einzubrechen, doch dann erkannte ich Luca. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was er zu dieser Uhrzeit von mir wollte. Er sah zu mir auf. Als er mich erkannte rannte er auf mich zu. Ehrlich gesagt: Langsam bekam ich doch ein wenig Angst.
»Winkler, Sie haben mich einfach aus dem Unterricht geworfen – das werden Sie gleich bereuen!«
Panisch eilte ich zu meinem Auto, aber Luca versperrte mir den Weg und spuckte auf einen meiner Schuhe. Als ich mich bückte um den Schuh sauber zu wischen, trat er gegen meinen Po. Um ein Haar wäre ich nach vorne und mit meinem Kopf gegen eine fremde Autotür geknallt. Zum Glück fand ich mein Gleichgewicht rechtzeitig wieder. Nun packte er mich von hinten und fesselte meine Arme. Ich wollte nach Hilfe rufen, aber Luca boxte mir in den Bauch. Das Gefühl der Atemlosigkeit durchströmte meinen Körper und mir drohte die Bewusstlosigkeit.
Ich blinzelte mit letzter Kraft, aber ich sah niemanden. So eine riesige Schule und keine Menschenseele. Dazu fiel mir nur ein Wort ein: Scheiße!
Ich wurde ohnmächtig.
Als ich zu mir kam, bemerkte ich, dass Luca mich während meiner Bewusstlosigkeit zurück in das Schulgebäude geschleift hatte.
Plötzlich nahm ich ein klirrendes Geräusch wahr, das ich keinem Gegenstand zuordnen konnte. Dann entdeckte ich Luca. Er hatte sich beherrschend vor mir aufgebaut und ließ einen Schlüsselbund an seinem Zeigefinder rotieren.
»Aufstehen!«, schrie er.
Ich bemühte mich aufzurichten, schaffte es aber nicht. Ungeduldig griff er in meine Achselhöhle und riss mich empor.
»Woher hast du diesen Schlüssel?«, fragte ich hustend. Meine Güte, war diese Frage anstrengend.
»Den habe ich ganz unauffällig dem Hausmeister abgezockt. Der Depp hat gar nichts gemerkt.« Luca lachte spöttisch. Als ich nach Hilfe rufen wollte unterbrach er mich: »Sie brauchen es gar nicht zu versuchen! Es ist schon nach 20 Uhr. Alle haben das Gebäude bereits verlassen.«
Während ich entsetzt feststellte, dass ich fast vier Stunden bewusstlos war, schlich Luca sich unbemerkt an die Tür der Besenkammer. Er schloss sie auf und schubste mich hinein. Ich knallte rückwärts auf den Boden. Schlagartig schmerzte mein Po wegen dem Aufprall, mein Rücken knallte gegen Besenstiele und ein Eimer mit Reinigungsmittel plumpste mir auf den Kopf.
»Jetzt werde ich Sie von der Außenwelt ausschließen, genau wie Sie mich vom Unterricht ausgeschlossen haben. Ausgezeichnete Strafe, nicht wahr?«, fragte er, schlug die Tür zu, verriegelte sie und bemühte sich nicht einmal sein Lachen zu verbergen, das von draußen durch die Tür drang.
Über die Woche habe ich mehrfach versucht aus der Besenkammer zu fliehen, jedoch endete jeder Versuch mit einer weiterhin verschlossenen Tür. Eigenartigerweise benötigte das Putzpersonal nichts aus der Kammer und ermöglichten mir keine Befreiung.
Das mittlerweile eine Woche vergangen ist, weiß ich daher, weil ich immer nach einem stillen Zeitintervall von mehreren Stunden, ich vermute, dass dies die Nächte waren, einen Knopf von meinem Hemd aufgemacht habe, der für einen Tag stand.
Außerdem konnte ich die Woche nur überleben, weil mir Luca, so gütig wie er immer zu sagen pflegte, Essen und Trinken gab.
Plötzlich wird die Besenkammer von dem grellen Licht der Flur durchflutet. Ich muss meinen Unterarm schützend vor meine brennenden Augen halten.
Ich glaube, der Schultag ist wieder vorbei – ich weiß es nicht genau, ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Trotz verschwommenen Augen erkenne ich Luca, der im Eingang der Besenkammer steht. Er geht hinter mich und tritt mich hinaus.
»Die Strafe reicht«, sagt er trocken.
Ich fühle mich wie ein Sträfling, der statt in einer Schule, in einem tiefen Loch untergebracht war.
»Gehen Sie nach Hause«, fügt er hinzu und tritt mich erneut aus der Kammer.
Ich stolpere auf und renne zu meinem Auto.
Ein ständiger Blick auf den zurückgelegten Weg versichert mir, dass Luca mich nicht verfolgt.
Endlich bin ich zu Hause!
Überaus glücklich robbe ich küssend über meinen gesamten Teppich.
Plötzlich höre ich ein schrilles Klingeln in meinen Ohren. Geschockt öffne ich meine Augen, schalte den Wecker neben mir aus und erhole mich für einen Augenblick in meinem Bett von diesem realistischen Albtraum. Danach stehe ich um 5 Uhr 15 auf und mache mich wie gewohnt fertig für den Schultag. Duschen, anziehen, Kaffee trinken, eine Kleinigkeit frühstücken – doch dann halte ich inne.
Ach, was soll’s, denke ich, die Schüler – und vor allem ich – können gewiss eine Pause vertragen!
Mit diesem Gedanken nehme ich das Haustelefon und rufe im Büro der Schule an, um mich für den heutigen Tag krank zu melden.
Während ich mit Herrn Lange telefoniere, bemerke ich nicht, dass hinter mir auf einem Stuhl, die dreckigen Klamotten der vergangenen Woche liegen.