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Der Ring

Ohne zu wissen, woher die Wunde auf meinem Hinterkopf kam und warum ich nur mit einem Shirt auf dem Erdboden im Schnee lag, rappelte ich mich in der Hoffnung auf, meine Umgebung anhand eines auffälligen Details zu identifizieren. Doch abgesehen davon, dass es deutlich kälter als in den vergangenen Tagen und dies mit Abstand die eigenartigste Situation meines Lebens war, fiel mir nichts weiter auf.

Als ich endlich auf meinen Beinen stand, spürte ich, dass meine Wangen und Ohren aufgrund einer nervigen Angewohnheit, die in Kombination mit dem kalten Schnee der mir unaufhörlich ins Gesicht wehte, so rot wie Kohle im Feuer glühten. Ich versuchte meinen Oberkörper mit meinen Armen zu umschlingen, damit ich ihn vor der Kälte schützen und wärmen konnte. Dabei schlug ich meinen Handrücken heftig gegen einen Ast, der aus einem Busch ragte. Erschrocken begutachtete ich die betroffene Stelle auf meiner Haut, aber eigenartigerweise entdeckte ich nicht einmal die kleinste Schramme.

Nach einer Weile ging ich entschlossen die ersten Meter. Allerdings musste ich mein Schritttempo sofort drosseln, da der fallende Schnee die Straßenlampen verdeckte und die Wege verdunkelte.

Erfreulicherweise entdeckte ich trotz des heftigen Schneegestöbers eine Eingangstür und ihre dazugehörige Hausnummer. Mit ihrer Hilfe erkannte ich den Ort an dem ich war, nahm dafür aber in Kauf, mein linkes Bein gegen eine Wippe des Innenhofspielplatzes zu stoßen. Seltsamerweise schmerzte es nicht. Viel mehr überraschte mich die Tatsache, dass sich in Hamburgs Osten eine Art Schneesturm zu entwickeln schien, der mit jeder Minute bemerkbar stärker wurde. Gedanklich ging ich die Wintermonate der vergangenen Jahre durch, um festzustellen, ob ich jemals in meinem Leben so einen schweren Schneefall miterlebt habe, aber keiner vermochte innerhalb von Sekunden kniehohen Schnee auf den Boden zu werfen – im selben Augenblick wurde mir bewusst, dass ich alle anderen Erinnerungen aus meiner Vergangenheit verloren hatte. Das einzige woran ich mich erinnerte, waren die vergangenen Winterjahre und mein zweiundzwanzigster Geburtstag, den ich an diesem Tag feierte.

Verloren in meinen Gedanken kämpfte ich mich über die hohen Schneeberge die sich auf dem schmalen Durchgang im Innenhof zwischen der »Edvard-Munch-Straße« und »Max-Pechstein-Straße« gehäuft hatten. Ich befreite meine Turnschuhe vom Schnee und nötigte mein Erinnerungsvermögen, bis ich anfing zu glauben, dass mein Vater mir in der Vergangenheit häufiger erzählte, dass meine Mutter in ebenso einer Nacht bei einem tödlichen Unfall starb.

In jener Nacht soll der Schnee auf gleiche Weise gestürmt haben, dass man seine eigene Hand vor Augen nicht sehen konnte. Der Unfall ereignete sich vor genau zweiundzwanzig Jahren. Es war jene Nacht, in der ich am 05.Januar 1985 geboren wurde. Ein zu schnell fahrendes Fahrzeug erfasste meine Mutter, als sie über eine Straße eilte und ehe sie die »Praxisklinik Mümmelmannsberg« erreichte, starb sie an den Folgen ihrer Verletzungen. Ich hingegen konnte in letzter Minute aus dem Mutterleib gerettet werden.

Die Vermutung erschütterte mich und der Gedanke, dass ich meine Mutter niemals kennen lernen durfte versetzte mich in tiefe Traurigkeit. Seltsamerweise verspürte ich erst jetzt den Drang ein einziges Mal mit ihr zu reden, nur ein einziges Mal in ihre Augen zu sehen, während sie mir sagt, dass sie mich liebt. Ich würde wirklich alles dafür tun.

Im Folgenden resultierte die Wahrscheinlichkeit, dass ich in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren mit meinem Vater in einer günstigen Mietwohnung gelebt haben muss. Ich nehme an, dass sie ungünstig geschnitten war, nicht mehr als Zwei Zimmer hatte und in »Mümmelmannsberg« lag. Diese Annahme würde auch meine Frage beantworten, warum ich an dem Ort war, an dem ich mich nur mit einem Shirt bekleidet im Schnee wiederfand.

Ich wuchs also in einem kleinen Viertel und ohne Mutter auf, weil mein Vater sich keine neue Frau gesucht hat – jedenfalls würde ich nur diesen Verlauf in Betracht ziehen. Selbst wenn ich mir in meiner Kindheit häufiger eine weibliche Mutterfigur gewünscht hätte, die mir Liebe, Wärme und in der Pubertät gute Ratschläge in punkto Frauenangelegenheiten gab. In solchen Momenten habe ich wohl immer wieder von neuem festgestellt, dass es Dinge auf der Welt gibt, die man für keine Geldsumme erwerben kann. Dazu zählen Gesundheit, Glück, Liebe, aber auch ein Leben, wie das meiner Mutter. Ich hege gewiss keinen Groll gegen meinen Vater, weil er sich keine neue Partnerin gesucht hat. Ich kann seine Entscheidung sogar sehr gut nachvollziehen und hätte mich in keinem Fall anders entschieden. Leon, kein Mann auf der Welt wäre in der Lage eine neue Beziehung anzufangen, kurz nachdem ihm seine Geliebte vor der Geburt ihres ersten, gemeinsamen Kindes entrissen wird, imitierte ich gedanklich meinen Vater. Wahre Worte.

Ich starrte auf den Boden, ließ den Innenhof hinter mich und näherte mich der »Max-Pechstein-Straße«. Ich ging an den sechs runden und klobigen Blumenkästen vorbei, aus denen im Sommer ein prächtiger Busch wächst. Doch anstelle der grünen Blätter, trugen die runden Kugeln aus kahlen Ästen eine Schicht aus Schnee auf ihren Kronen.

Ich genoss es alleine mit meinen Gedanken zu sein und durch den stürmischen Schnee zu spazieren, bis wie aus dem Nichts eine ältere Dame hinter mir auftauchte. Sie rannte offenbar direkt auf mich zu, ohne mir auszuweichen oder ihre Geschwindigkeit zu verlangsamen. Fast so, als wäre ich gar nicht da. Schließlich stieß ihre Schulter heftig gegen meinen Unterarm. Ohne aufzusehen, oder sich bei mir zu entschuldigen, ging sie weiter zur »Max-Pechstein-Straße«. Ich spürte zwar keinen Schmerz, dennoch versuchte ich perplex ihr Gesicht zu sehen, welches mir aufgrund einer Wollmütze und einem Schal verborgen lag. Ich wartete kurz und sah der Dame solange hinterher, bis der Schnee und die Dunkelheit sie restlos vor mir verschluckt hatten.

Leicht benommen setzte ich meinen Weg fort und versuchte die unfreundliche Dame schnellstmöglich aus meinen Gedanken zu verbannen, da sie aber in dieselbe Richtung wie ich ging, gelang es mir nur mit beschwerlichen Schritten.

Sie hat mich wahrscheinlich nicht gesehen. Wohlmöglich war sie bereits verspätet, oder sie hat einfach nicht aufgesehen, da sie mit ihrem Handy abgelenkt war, begann ich in meinen Gedanken eine Rechtfertigung für sie zu finden, während ich dem rhythmisch knirschenden Schnee unter meiner Schuhsohle lauschte, der bei jedem Schritt einen anderen Klang erzeugte.

Dann erkannte ich unmittelbar vor mir eine nach unten gebeugte Person, die etwas auf dem Bordstein der »Max-Pechstein-Straße« zu suchen schien. Augenblicklich erkannte ich die alte Dame, die mich kurzzuvor rücksichtslos angerempelt hat. Entschlossen ging ich geradewegs auf sie zu. Ich nahm mir vor, dass ich sie auf ihr unakzeptables Verhalten ansprechen werde. Aber ehe ich sie erreichte, blickte sie erschrocken auf und lief wie ertappte davon, bis sie erneut in der Dunkelheit verschwunden war.

Allmählich wurde mir die Angelegenheit zu mühselig. Darum entschied ich mich von nun an durch nichts aus der Ruhe bringen zulassen und meine geplante Route entspannt fortzuführen.

Kurz darauf bemerkte ich einen kleinen Gegenstand, den ich unwissentlich vor mich her kickte. Zunächst hielt ich ihn für einen kleinen Knallkörper, den die Silvesterfeiertage zurückgelassen hatten, allerdings versackte er mit jedem Schritt zu tief im Schnee. Dann begriff ich, dass ich den Gegenstand von der Stelle davon getragen haben muss, an der die Dame etwas zu suchen schien. Also fischte ich das kleine Ding aus dem Schnee und hob es auf.

Da es nicht nur klein, sondern auch rund, schwer und aus Metall war, schlussfolgerte ich erneut, dass es auf keinen Fall ein Knallkörper war.

Nachdem ich das kleine Etwas von Schnee und Dreck befreite, legte ich es in meine gestreckte Handfläche und hielt es zur genaueren Beurteilung unter das schwache Licht einer Straßenlampe. Ein kurzer Blick genügte und ich erkannte einen goldenen Ring der auf meiner Handfläche lag. Scheinbar trug er einen eingravierten Satz auf seiner Innenseite.

Nachdem ich alle Buchstaben, Zeichen und Symbole entziffert hatte, schlug ich meine Hand entsetzt hinter meinen Kopf – erst jetzt bemerkte ich, dass die Wunde nicht mehr da war.

Es wäre besser, wenn ich meine Bemerkung von eben korrigieren würde: Der Fund des Rings war mit Abstand die eigenartigste Situation meines Lebens.

Während sich mein Körper auflöste, las ich wieder und immer wieder die Gravur im Ring:


»Für meinen Sohn, Leon Mayer – † 5.Jan 1985«


Quelle:
Anthologie „So vergeht die Zeit“ (2004–2014), Geschichte 5, © 2006-2007.

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