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Der Schatten am Fenster

»Bitte legen Sie sich auf die Couch und entspannen Sie sich so gut wie möglich«, fordert mich die Dame in dem kleinen, lichtleeren Behandlungszimmer auf und kramt einen Notizblock aus der obersten Schublade ihres Schreibtisches. Dann wendet sie sich mir wieder zu: »Erzählen Sie nun bitte im Detail, was Sie erlebt und gesehen haben!«


Es handelt sich um ein Ereignis aus meinem Leben, das mir mittlerweile so unrealistisch vorkommt, dass ich selbst anfange zu zweifeln, es wirklich erlebt zu haben. Dabei ist es nicht lange her, als sich eines Nachts zum ersten Mal ein seltsamer Schatte an meinem Fenster zeigte. Ich hielt ihn zunächst für eine Einbildung. Als er jedoch an den drei darauffolgenden Tagen, an derselben Stelle, zur selben Uhrzeit auf meiner Gardine erschien, wurde mir mit jeder Minute unbehaglicher, in der ich den Schatten sah.

Ich war mir sofort sicher, dass ich hohes Gelächter kassieren würde, sollte ich irgendjemandem von ihm berichten. Auf produktive Hilfe von außenstehenden brauchte ich deshalb nicht zu hoffen. Jeder hätte ihn höchstwahrscheinlich als eine Begleiterscheinung von Paranoia oder ähnliches abgetan – natürlich jeder, bis auf meinen besten Freund.

Als er seine Idee entschlossen in die Tat umsetzte und über Nacht bei mir blieb, konnte er den Schatten nicht an der gewohnten Stelle auf der Gardine sehen. Ich spürte, dass er anfing an meiner Wahrnehmung zu zweifeln; ohne, dass er ein Wort zu sagen brauchte. Bevor er am nächsten Tag ging machte er mir deutlich, dass ich zukünftig nicht auf seine Unterstützung zählen bräuchte. Obendrein empfahl er, dass ich professionelle Hilfe aufsuchen sollte.

So zeigte sich der Schatten ungeklärt über vier Wochen hinweg an derselben Stelle, zur selben Uhrzeit in der Nacht. Abgesehen von den Tagesabständen, die zwischen jeden und jeden zweiten Tag variierten und das er immer mehr einen menschenähnlichen Grundriss annahm, veränderte sich nichts.

Ich versuchte mich häufiger dem Schatten zu nähern, doch jedes Mal wenn ich auf ihn zuging, verschwand er hinter der Gardine. Missmutig wirbelte ich sie durcheinander, aber dies lockte ihn nicht herbei und so sah ich niedergeschlagen hinter ihr nach, wer oder was ihn geworfen haben könnte. Natürlich fand ich hinter ihr nichts. Auch draußen auf dem Innenhof, der vor meinem Fenster im Erdgeschoss lag, entdeckte ich keinen vergleichbaren Umriss.

Im Laufe der ersten Woche nahm der Schatten den Umriss einer Frau an – vielleicht auch einer Jugendlichen. Sie hatte eine Haarpracht, die ihr weit über die Schulter reichte und selbst, wenn es nur ein Schatten war, so konnte ich neben einer schlanken

Taille ihre langen Beine erkennen. Sie musste eine unbegreifliche Schönheit sein, die sich aus irgendeinem Grund vor mir verbarg.

Nach wenigen Tagen gewöhnte ich mich an ihrer Anwesenheit und fing an mich wartend auf sie zu freuen. Dann glitt sie wie ein ungelöstes Rätsel über meine Gardine und verschwand nach einer Stunde.

Am letzten Abend, als die vier Wochen ein Ende nahmen in denen ich die Anwesenheit des Schattens genoss, geschah etwas Unfassbares – dies gab mir einen Anlass, den Rat meines Freundes zu befolgen.

Nachdem sie das letzte Mal auf meiner Gardine erschienen war, trugen meine Beine mich wie von selbst hinaus in die kalte Nacht. Sie führten mich quer über den Innenhof, um sich meinem Fenster zu nähern, auf dem ich wie hypnotisiert zuging.

Mein Vorstellungsvermögen reichte nicht aus, um eine plausible Erklärung über das zu entwickeln, was ich an diesem Ort, an dem ich noch nie zuvor gewesen war, zu finden glaubte. Ich schlürfte dessen ungeachtet wie mechanisch über die Wiese, auf der die Kinder im Sommer Fußball spielten und im Winter Schneemänner baten. Jedoch teilte ich mir an diesem Abend mit niemandem die Rasenfläche, dadurch wirkte sie wie ein dunkler See, an dem selbst das Krähen und Zwitschern der Vögel verstummt waren.

Mir wehte von hinten eine kühle Brise entgegen und schien mich voran zu schieben. Plötzlich hallte ein lautes Knacken über die Rasenfläche. Nachdem ich erschrocken zusammenzuckte, stellte ich erleichterte fest, dass lediglich ein Zweig unter meinen Füßen zerbrach.

Wie aus dem Nichts stand ein schwarzer Rabe mit einem hellorangenen Schnabel vor mir, der trotz der Dunkelheit schimmerte. Er schielte verächtlich mit seinen Kulleraugen zu mir auf.

Unbeeindruckt ignorierte ich den Vogel und wollte mich auf dem Weg nach Hause machen. Sobald ich meinen ersten Schritt setzte, griff er mich an und pickt meinen Hinterkopf. Ich schlug blind mit beiden Armen nach ihm, aber konnte den kleinen Mistkerl nicht erwischen. Mir blieb keine andere Wahl, also flüchtete ich in eine beliebige Richtung, doch der Rabe verfolgte mich und griff nach dem Kragen meiner Jacke. Mit einer Hand schützte ich verzweifelt meinen Kopf und mit der anderen schlug ich wie bisher nach ihm.

Da ich von dem Rabe ablenkt war, stolperte ich über eine Baumwurzel und fiel in ein Gebüsch. Mein Gesicht versank in einem Laubhaufen und meine Hände tauchten in matschige, stinkende Erde.

Sowie ich aufsah, entdeckte ich mein Zimmerfenster und meine Gardine, auf der sich in den vergangenen Wochen der Schatten zeigte. Gleichzeitig wurde der unangenehme Duft stärker, den ich bereits im Gebüsch bemerkte.

Ich bemerkte, dass mich der Vogel inzwischen nicht mehr attackierte, fast so, als hätte er mich hierher geführt. Daher betrachtete ich den Labhaufen gründlicher – erst dann erkannte ich die Hand.

Die Übelkeit hinderte mich Hilfe zu holen, die höchstwahrscheinlich zu spät war.

Zuerst hob ich einen Ast auf und dann schob ich wachsam die Blätter vom Laubhaufen. Ich wollte mich vergewissern, ob wirklich ein menschlicher Körper vor mir lag und keine ineinander verworrenen Äste.

Ich erstarrte, als ich zuletzt in das Gesicht eines jungen und wunderschönen Mädchens sah. Sie hatte eine Haarpracht, die ihr weit über die Schulter reichte. Neben einer schlanken Taille, sah ich ihre langen Beine, die ihre unbegreifliche Schönheit abrundeten, die sich nun nicht mehr vor mir verbarg.


Quelle:
Anthologie „So vergeht die Zeit“ (2004–2014), Geschichte 4, © 2006.

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