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Der Zahn von Löwe

Zum ersten Mal erfuhr ich meinen Namen, als ein Menschenjunge mich aus heiterem Himmel Löwe nannte. Kurz darauf fand ich heraus, dass dies auch der Name meines Opas, meines Vaters, meines Bruders und sogar des restlichen Dorfes ist.

Vor einigen Generationen entschied sich meine Familie ihre alte Heimat zu verlassen und eine neue, wundervolle Wiese als ihr neues zu Hause zu erklären. Inzwischen ist an diesem Ort ein großes und tüchtiges Löwendorf entstanden.

Das Leben auf der Wiese wurde leider von Generation zu Generation immer beschwerlicher und die Zeiten der idyllischen Harmonie waren fast restlos verschwunden. So war ich vor kurzem gezwungen ein schreckliches Drama mit anzusehen. Mein Cousin, ebenfalls Löwe, wurde von einem unheimlich aussehenden Menschenjungen hinfort gerissen, obwohl er sich mit aller Kraft, die ihm der heilige Löwe gab, am Erdboden festkrallte. Was dann geschehen ist, überschritt alle Grenzen der Abscheulichkeit und sollte mich für die nächsten Nächte traumatisieren, in denen ich angsterfüllt aufschreckte.

Der Menschenjunge umschlang den gesamten Körper meines Cousins mit nur einer seiner kolossalen Hände und positionierte seinen Kopf direkt vor seinen Mund. Dann zog er literweise Luft in seine Lunge und schien im Stande zu sein, einen gigantischen Wirbelsturm hervor zu beschwören, der all die Haare meines Cousins heraus zerrte und hinfort schweben ließ. Anschließend riss er ihm skrupellos den Kopf ab und schmetterte ihn an Ort und Stelle zurück, von dem er ihn habgierig an sich riss.

Die Vorstellung, dass dieser Menschenjunge, wann auch immer es ihm gerade passte, auftauchen und ein Chaos in diesem Ausmaß anrichten konnte, gefiel mir überhaupt nicht. Schließlich bedeutete es, dass meine Familie und das gesamte Dorf in Lebensgefahr schwebten – es lag auf der Hand, dass wir endlich anfangen sollten, die ersten Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Aus diesem Grund ging ich zum Dorfältesten, der ebenfalls Löwe hieß und der einzige Mitbürger ohne Haare war. Ich erzählte ihm ohne umschweife was ich mit eigenen Augen sah.

»Beruhige dich, mein Junge«, forderte er mich total entspannt auf.

»Dorfältester, erkennen sie nicht die Lage, in der wir uns derzeit befinden?!«

»Höre mir gut zu: Seit vielen Generationen verbreitet sich unsere Spezies auf ein und dieselbe Art, mit der wir in der Lage sind, von Wiese zu Wiese zu wandern. Mein Junge, uns allen wird früher oder später dieses Schicksal ereilen. Zuerst werden wir unsere Haare verlieren und dann müssen wir sterben. An unserer Stelle werden unsere Kinder den Platz einnehmen, blühen und gedeihen, bis sich der Kreislauf wiederholt. Und sollten wir den Kontakt zum heiligen Boden verlieren, dann mein Junge, müssen wir bis zum Ende unserer Tage schrumpelig alt und ohne Haare leben, wie du es an mir sehen kannst.«

»Niemals, ich glaube Ihnen kein Wort, Ältester! Die Menschenwesen sind unsere einzige Gefahr und wir müssen sie angreifen und uns zur Wehr setzen!«

»Halte dich von ihnen fern!«, befahl der Älteste barsch, »wir wollen nichts mit ihnen zu tun haben – hast du mich verstanden?!«

Aber ich ignorierte seine Anweisung und berichtete sofort dem Dorf, was ich mit ansehen musste und wie der Dorfälteste darauf reagiert hat. Außerdem entwickelte ich einen sicheren Plan, mit dem wir den Menschen zeigen konnten, dass sie auf diese Weise nicht mehr mit uns Löwen umgehen konnten.

Als ich meine Rede beendete, lachte das gesamte Dorf lauthals über mich. Sie hielten es für angebrachter der Ideologie des Ältesten zu folgen. Ich konnte keinen einzigen Mitstreiter für den Kampf gegen den Menschen auf meine Seite gewinnen, obwohl sie ihn genauso hassten wie ich.


Eines Abends musste ich beinahe ein weiteres Unglück mit ansehen, das in diesem Fall ein Konflikt zwischen einem Menschenjungen und einem Menschenmädchen war. Da mich solche Lappalien nicht Ansatzweise interessierten, tat ich zunächst so, als hätte ich den Streit nicht bemerkt und achtete nicht weiter auf die beiden; wozu auch? Schließlich hasste ich alle Menschen – ohne Ausnahme!

Als das Mädchen gegen seinen Willen gehen wollte, packte er sie am Arm und schubste sie auf unsere Wiese. Dabei zertrat er einen unserer Löwen, der tief und fest schlief. Dann hörte ich einen lauten Knall. Er schlug sie ins Gesicht und erneut wurde ich Zeuge, wie skrupellos der Mensch ist. Ich sah ihre Tränen, die über ihre Wangen rollten und vergaß augenblicklich meine Wut. Ich begriff endlich, dass ich etwas unternehmen musste um dem Mädchen zu helfen – selbst wenn sie ein Mensch war. Und genaugenommen verdanken wir nur ihrer Spezies unseren Namen, mitsamt der Anerkennung unserer Existenz. Ferner ertrug ich es nicht noch einmal mit anzusehen, wie einem Lebewesen Unrecht getan wird.

Ich wusste zwar nicht, was ich für sie tun konnte, aber ich fing an langsam nach vorne und hinten zu wippen. Ich holte Schwung und wippte noch stärker. Dann bekam ich eine vielversprechende Idee, aber ich würde nur einen einzigen Versuch haben.

Als ich mein schnellstes Wipp-Tempo erreichtem, zudem ich fähig war, holte ich ein letztes Mal zum Schwung aus, dass ich fast den Kontakt zum heiligen Boden verlor. Ich schlug meinen Kopf in Richtung des Mädchens. Wie in Zeitlupe beobachtete ich meine Haare, die aus meinem Kopf rissen und wie ein Schwarm rettender Vögel zu ihr flogen. An meinen Haarwurzeln entdeckte ich lauter kleine Brocken, die fast wie Zähne aussahen. Da wir eigentlich keine haben, hörte ich bisher nur von ihnen – aber mir gefiel der Gedanke. Ich beschloss, dass es wohl so sei: Die Zähne von Löwe, die ihr zur Hilfe eilen.

Während sich mein Körper stabilisierte ging mein Plan auf: Meine Zähne wehten in die Augen und Nasenlöcher des Jungen und bissen ihn. Er brüllte zornig auf. Hastig rieb er seine tränenden Augen und hielt sich die niesende Nase zu. Letztlich war er gezwungen von ihr abzulassen.

Nachdem sie realisierte was geschehen war, bedankte sie sich bei mir, in dem sie meinen Kopf mit einen ihrer weichen Zeigefinger hob. Anschließend flüchtete sie sich in Sicherheit.


So verlor ich vor ungefähr zwei Menschenjahren meine Haare, als wir Frieden mit ihnen schlossen.

Aufgrund dieser besonderen Leistung wurde ich zum neuen Dorfältesten ohne Haare II und zum Schutzbeauftragten des gesamten Dorfes ernannt, nachdem der weise Löwe ohne Haare von uns geschieden war.

An manchen Tagen kommt mich das Mädchen noch immer auf der Wiese besuchen – doch von diesem Tage an, nennt sie mich »Löwenzahn«.


Quelle:
Anthologie „So vergeht die Zeit“ (2004–2014), Geschichte 17, © 2014.

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