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Es passierte im Bus

»Los Sercan, lauf schnell nach hinten und krall uns zwei Plätze!«, rief einer der Fünftklässler und rempelte mich beim Vorbeilaufen an, um seinen Freund in den hinteren Teil des Busses zu folgen.

Als der Bus losfuhr und sich immer weiter von der Schule entfernte, jubelten die Schüler noch lauter vor Freude, als sonst. Jeder einzelne von ihnen, musste seine Begeisterung mit einem individuellen Ruf der Glückseligkeit verkünden, was dazu führte, dass nur noch schwer zu verstehende Mitteilungen und das Lachen unzähliger Schüler, den gesamten Bus erfüllte – von allen Schülern, außer mir.

Wie sonst auch, habe ich mich neben eines der Fenster verkrochen, das sich hinten in Fahrtrichtung befand und hoffte, dass mich keiner aus meiner Klasse erkennen würde. Ich wollte für den Rest des Tages, einfach nur noch für mich alleine sein.

Während der Bus die ersten Haltestellen durchquerte, starrte ich geistesabwesend durch das Fenster auf den Asphalt der Straße, obwohl meine Augen von der Sonne geblendet wurden, die derzeit ihren Höchststand erreichte. An so einem schönen Vormittag war der letzte Schultag und leitete vielversprechend die Sommerferien ein, was in der Tat ein Grund zur Freude wäre, die ich mit den anderen Schülern teilen sollte, aber ich saß deprimiert und einsam auf meinem Platz, ganz hinten im Bus.

Am Anfang des Schuljahres schwor ich mir, Deniz, meine derzeitige Liebe aus der Parallelklasse, auf meine Gefühle anzusprechen, leider war ich nicht mal mutig genug, in seine Augen zu sehen, wenn er es bemerkte. Es ist immer dasselbe mit mir, was mir tierisch auf die Nerven geht. Über ein Jahr lang schwärme ich für einen Jungen, will aber nicht, dass derjenige es erfährt. Es ist wie mein kleines Geheimnis, eine Geständnis, das ich nur meinem Kuscheltier, oder meinen engsten Freundinnen anvertraue, von denen es gerade mal zwei gibt; drei, mit mir eingeschlossen. Für gewöhnlich flauen die Gefühle die ich hege, nach einer Zeit von selbst wieder ab, doch bei Deniz war es seit Beginn an, irgendwie anders. Kein anderer Junge aus meinem Jahrgang ist so einzigartig und charmant, wie er. Wenn er lacht, dann bleibt für einen Moment die Welt stehen und wenn er eine Geschichte aus seinem Leben erzählt, dann ist er wie ein Held, der in der Mitte des Klassenraumes steht und gefeiert wird. In seinem Leben scheint alles voller Abenteuer zu sein – ich durfte gar nicht erst anfangen, es mit meinem zu vergleichen, es würde mich eh nur deprimieren.

An manchen Tagen bildete ich mir ein, er würde mich während den Pausen beobachten, oder absichtlich meinen Weg gekreuzt. In diesen Augenblicken schlug mein Herz wie wild und noch stärker denn je für ihn; hätte er meine Emotionen an diesem Tag nachempfunden, dann hätte er sich garantiert ebenfalls in mich verliebt.

Wenn ich ehrlich bin, war mein bisheriges Leben der reinste Trümmerhaufen. Beziehungen die ich führte, dauerten höchstens eine Woche und minimal einen Tag an, was nicht heißen soll, dass ich zu kompliziert bin, ich tat es mir nur unheimlich schwer mit der Liebe. Ich brauche einfach viel zu lange, bis ich ausreichend Vertrauen zu einem anderen Menschen aufbauen kann – leider ist es mir bisher noch nie vollständig gelungen.

Ein plötzlicher Ruf zog mich aus meinen Gedanken und katapultierte mich zurück in den Bus. Erschrocken wanderte mein Blick durch die einzelnen Sitzplätze. Ich stellte überrascht fest, dass der Bus bereits relativ leer war. Dann begriff ich endlich, dass Deniz auf dem Sitzplatz gegenüber von mir saß, doch als ich genauer hinsah, musste ich einsehen, dass meine Gedanken nur mit dem leeren Plätzen spielten. Unfassbar wie viel Glück ich in meinem Herz empfinden konnte, wenn ich denke, die Person die ich liebe, zu sehen.

Aus heiterem Himmel fiel ein zusammen geknülltes Stückpapier gegen meinen Hinterkopf und plumpste auf die Sitzfläche neben mir. Gereizt hob ich das Papierkügelchen auf und suchte den Übeltäter, um ihn zurück zu bewerfen, doch ehe ich ihn entdeckte, stoppte ich abrupt.

Nur zwei Sitzreihen vor mir saß Deniz, dieses Mal aber physisch fassbar, wirklich und das mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Er sah erwartungsvoll zu mir herüber, doch seine wunderschönen Augen versteinerten mich. Als er merkte, dass ich ihn regungslos anstarrte, deutete er mit den Händen auf das Papierkügelchen. Zunächst konnte ich seiner Botschaft nicht folgen und als ich sie verstanden hatte wurde mir klar, dass ausgerechnet er derjenige war, der mich kurzzuvor bewarf.

Als ich mit meiner Hand das kleine, runde Etwas umschlang, stieg meine Herzfrequenz rapide von 70 auf 160 Schlägen in der Minute an, als würde ich einen Marathon laufen.

Vorsichtig rollten meine zittrigen Finger den Papierklumpen auf. Dabei wurden sie klitschnass und fingen an sich unkontrolliert zu bewegen, fast wie bei einer Bombenentschärferin, der bei ihrem ersten Job eine Schweißperle die Stirn hinunter rann, während sie ihrer Präzessionsarbeit nachging. Gefühlte 5 Minuten später, hatte ich das Kügelchen, zu einem glatten Blattpapier auf meinem Oberschenkel ausgebreitet und mit der Rückseite nach oben gelegt. Als ich wieder zu Deniz sah, bemerkte ich, dass er mich fortwährend über die Sitzlehnen hinweg beobachtete.

»Was kann bloß auf diesem Zettel stehen?«, dachte ich. Behutsam strich ich die letzten Knicke aus den Ecken heraus, schloss meine Augen und atmete tief durch. Ich versuchte mein Herz mit einer flacheren Atmung zu beruhigen, doch wie so oft, ließ der Erfolg lange auf sich warten.

Ich träumte von den unterschiedlichsten Ideen, Wünsche und Vorstellungen, mit denen ich versuchte den Inhalt der Botschaft vorherzusehen. Aber letztlich hoffte ich, dass der Inhalt eine positive Nachricht verbarg und Deniz in den Sommerferien ein Eis mit mir essen wolle – solch eine Kleinigkeit wäre unvorstellbar schön und vollkommen ausreichend. Ich brauchte nicht von den unrealistischsten Dingen zu schwärme, wie ein Sonnenuntergang in den kommenden sechs Wochen, bei dem wir, Arm in Arm liegend, dem Gesang der Vögel lauschten.

Schlagartig drehte ich den Zettel auf meinem Oberschenkel um, öffnete meine Augen und las folgende drei Worte auf dem Stückpapier:


»Ich liebe dich ♡«


Quelle:
Anthologie „So vergeht die Zeit“ (2004–2014), Geschichte 9, © 2007.

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