Einfach überall. Überall ist Gummi. Vor mir, hinter mir, sogar links und rechts neben mir.
Plötzlich höre ich das Klirren eines Schlüssels in meinen Ohren, ich muss mir jedoch eingestehen, dass der Klang nur in meinen Gedanken ertönt. Ich sehe einen winkenden Mann mit blauem Shirt, den ich zwar zu kennen glaube, aber nicht erkennen kann.
Er lacht und ruft nach mir.
Ich spüre die warme Sonne, die durch das Fenster in den Raum scheint, obwohl es mitten in der Nacht ist. Dennoch will ich ihre wohlen Strahlen tanken und blicke zum Fenster. Das hat statt einer Scheibe ein Brett, statt einer Fensterbank schmücken prunkvolle Metallstäbe die schlicht gehaltene, quadratische Öffnung, von der mir die Umgebung abseits des Raumes nicht bekannt ist.
Mein Mund ist trocken – ich habe Durst.
Dann höre ich das Horn eines Dampfers – eines Kreuzfahrtschiffs. Ich beobachte den Qualm, der aus seinem Schornstein in die weite Ferne des Horizontes wandert und vermutlich nie wieder zu diesem Ort zurückkehren wird. Die Möwen folgen ihm und verschwinden mit ihm in der Mittagssonne, aber ich weiß, dass diese nicht für immer fort bleiben werden. Die Aufmachung des Schiffs wirkt äußerst luxuriös – oberhalb ausschließlich weiß, ab Höhe des Bugspriets nach unten schwarz bemalt. Das Kreuzfahrtschiff erinnert mich an die »Queen-Mary-Zwei«.
Ein Handy klingelt und aus einen mir unerklärlichen Grund erinnert mich der Klingelton an mein eigenes Handy, jedoch hat meine weiße Hose keine Taschen. Auch auf dem Bett in der einen Ecke, oder auf dem Tisch in der anderen, kann ich kein Mobiltelefon finden.
Stattdessen entdecke ich ein fröhliches und lebhaftes Mädchen. Sie sitzt lachend auf den Schultern eines jungen und wie ich finde attraktiven Mannes. Sein blaues Shirt verrät, dass es eben dieser Mann ist, der gerade eben meinen Namen rief und mir zuwinkte. Sie stehen an der Haltestelle, an der die Fähre der »HVV-Linie-62« ihre Reise nach »Finkenwerder« beginnt. Ich ertappe mich, als ich spekuliere, ob der Mann der Vater des Mädchens ist. Bei dieser Überlegung fängt mein Herz schneller zu schlagen an. Ich kenne oder kannte die beiden, so schlussfolgere ich. Mein Herz schlägt noch schneller. Sie standen mir sehr nah, zumindest glaube ich das zu spüren.
Die autonom in Kraft gesetzte Tachykardie treibt mir Schweißperlen auf die Stirn und verschnürt meine Luftröhre kurz unterhalb des Kehlkopfes, als wäre sie der Verschluss eines Beutels voll Gold, dessen Besitzer zweifellos ein Kobold sein muss.
Wie aus dem nichts taucht hinter mir eine gewaltige Menschenmenge auf, von denen der Einzelne nicht dem anderen gleicht. Einige Personen die an mir vorbeigehen rempeln mich unfreundlich an. Erst jetzt kann ich ihre Stimmen hören, die nach und nach meine Gehörmuscheln erreichen. Sie verraten, warum ihre Besitzer anwesend sind: Sie feiern den 822. Hafengeburtstag, der an diesem Vorsommerwochenende 2011 stattfindet.
Das zahlreiche Stimmenangebot bringt meine vorherigen Gedankenwege zum Zirkulieren, als wären sie Zellbestandteile in einem Reagenzglas, die durch eine Zentrifuge gelöst wurden. Anstelle von Zellmembran, Ribosom oder Mitochondrium kann ich als Sediment lediglich Verwirrtheit auf dem Fingerkuppen ähnlichen Glasboden erwarten.
Nun verschwimmen die Stimmen miteinander und meine Umwelt beginnt sich um meinen fixierten Körper zu drehen. Die Rotation lässt meine Konzentration hinfort schweben, als würde sie Eins mit dem Qualm des Luxusdampfers werden, dem die Passanten wie hypnotisiert nachsehen.
Inzwischen habe ich den Mann und das Mädchen aus den Augen verloren. Hastig spähe ich wie eine nach Nahrung suchender Maus in einem Kohlfeld über die unzählbaren Menschenköpfe hinweg.
Schließlich finde ich den Mann.
Erneut ruft und winkt er nach mir.
Ich gestehe, dass ich mir keine Sorgen um ihn zu machen brauche, da er glücklich wirkt.
Nun beginnt das Mädchen nach mir zu rufen. Synchron zu ihrem Ruf verstummen die Stimmen aus der Menschenmenge, in denen bis eben ein bewegter Unterton aufgrund des imposanten Dampfers lag.
Erneut ruft das Mädchen nach mir, aber ihre Stimme erreicht mich nur in einer diffusen Wortkombination. Unsere Blicke treffen sich. Ein eisiger Schauer überfällt mich, der von ihrem Blick ausgelöst wurde, trotz der weiten Entfernung die zwischen uns liegt. Genauso schnell wie ich meine Augen von ihr abgewendet habe, suchen sie nochmals den Kontakt zu ihren. Sie sieht mich eindringlich an und ruft Mama – sie ruft, ich solle mich mit dem Trinken beeilen.
Wieder das Klirren eines Schlüssels in meinem Ohr. Ich ignoriere es, da der Klang nur in meinen Gedanken ertönt.
Ein Messer wird gezückt. Panik bricht aus.
Der Täter nähert sich dem Mann und dem Mädchen und richtet die Spitze der Klinge bedrohlich auf sie. Meine Beine nähern sich automatisch dem Schauspiel, als würden sie den beiden helfen wollen. Der Täter zieht einen Plastikbeutel aus seiner Hosentasche hervor und wedelt mit der Messerspitze zwischen Mann und Tüte. Um einen sicheren Abstand zur Messerspitze zu gewinnen, weicht der Mann einen Schritt zurück. Er verliert dabei fast sein Gleichgewicht und wäre um ein Haar in die Elbe gestürzt. Das Mädchen hingegen verliert ihren Halt auf seiner Schulter und fällt ins Wasser. Sie ruft nach Hilfe, aber keiner rührt sich.
Auf einen Schlag beginnen meine Beine zu rennen. Ich remple einen Passanten an, bleibe einen kurzen Moment stehen und renne weiter, bis ich erneut einen Passanten anremple, der in Wahrheit eine Wand aus Gummi ist. Ich rufe nach meinem Baby und meinen Mann. Ich stehe erneut auf, mache einen Bogen um eine Menschengruppe und renne erneut gegen eine Wand aus Gummi. Was auch immer ich versuche, ich bin nicht fähig meinen Mann – auf seinem Hals drückt nun bedrohlich die Messerklinge – und unsere Tochter zu erreichen. Niemand unternimmt etwas. Keiner zieht mein Mädchen, die nicht einmal schwimmen kann, aus dem Wasser. Keiner rührt sich. Alle bleiben wie eingefroren stehen.
Verzweifelt unternehme ich einen erneuten Versuch und renne los, aber der Ablauf von eben wiederholt sich.
Wieder höre ich ein seltsames Klirren in meinen Ohren. Plötzlich öffnet sich eine Tür. Daraufhin höre ich unmittelbar neben mir laute Stimmen sprechen, die ich keiner Personen zuordnen kann. Sie wollen mir Amitriptylin und Haloperidol verabreichen.
Ich breche in Tränen aus und falle auf den Boden. Zügig sammelt sich um mich herum eine Handvoll geschockter Passanten.
Ich liege zuckend auf dem Boden des Hafens und bringe nur noch folgende Worte über meine Lippen:
»Warum kann ich ihnen nicht helfen?
… warum ich? … warum wir?«