»Guten Morgen, mein kleiner süßer Engel«, sagte ich und beugte mich zu meiner Tochter hinunter, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und warf ihr ein warmes Lächeln zu. Dann richtete ich mich wieder auf und betrachtete ihr wunderschönes Gesicht.
Das grelle Licht der Morgensonne, schlängelte sich durch das offen stehende Fenster, an den weißen Gardinen vorbei, holte sie aus ihrem Schlaf und blendete sie. Zögernd richtete sie sich auf, schützte ihre Augen mit einem Arm und studierte den Ort, an dem sie sich befand. Als sie ihr Zimmer wiedererkannte, legte sie sich zurück.
»Morgen, Papa«, brachte sie murmelnd hervor.
»Ich habe dich die ganze Nacht vermisst, mein kleiner Schatz.«
»Wirklich?«, fragte sie überrascht und richtete sich diesmal neugierig auf.
»Ja, wirklich!«
»Warum denn? Wir haben uns erst gestern Abend noch gesehen!«
»Natürlich, aber ich möchte seit längerer Zeit mit dir in den Zoo gehen. Heute soll der Tag endlich sein, an dem wir uns die Tiere ansehen. Los, zieh dich an, ich kann es kaum noch erwarten!«
»Aber Papa, ich bin doch gerade erst aufgestanden«, protestierte sie.
»Das spielt doch keine Rolle. Ich warte im Wohnzimmer auf dich, bis du fertig bist.«
Sie schwieg.
Wir sahen uns an, sagten jedoch nichts.
Ich bin ein junger Mann, der sein dreißigstes Lebensjahr noch nicht erreicht hat, dennoch spross mir das graue Haar bereits wie Unkraut auf dem Kopf. Meine Tochter wurde im vergangenen Monat sechs Jahre alt und soll in diesen Sommer noch in die Schule kommen. Sie hat langes helles Haar und blaue Augen. Ich hingegen besitze braune Augen und dunkle Haare. Meine Frau hat eindeutig die dominanten Erbinformationen, doch das macht mir nichts aus. Im Gegenteil. Als meine Tochter auf die Welt kam, war ich der glücklichste Mann auf der Welt; zumindest kam es mir so vor – wahrscheinlich ist es zu diesem Zeitpunkt auch so gewesen. Mein Traum ging schließlich in Erfüllung und ich bekam ein Kind von der Frau geschenkt, die ich über alles liebe. Wer würde sich da nicht als »der glücklichste Mann der Welt« bezeichnen?
»Papa, ich möchte aber nicht in den Zoo gehen, da sind ganz viele böse Tiere!«
»Quatsch! Wer erzählt denn so etwas?«
»Amanda.«
»Wer ist Amanda?«, fragte ich verblüfft.
»Na, die aus der Parallelklasse! Hast du es etwa vergessen? Du hörst nie zu, wenn ich etwas erzähle!«
»Natürlich, ich höre dir immer zu, mein Schatz.«
»Warum weißt du dann nicht, wer Amanda ist?«
»Ich habe mich zu sehr auf den heutigen Tag gefreut und es einfach vergessen.«
»Sie hat mir ganz böse an den Haaren gezogen und du hast es einfach vergessen?«, fragte sie traurig und setzte ihren allzeit bewährten Hundeblick auf.
»Och Schatz, selbstverständlich weiß ich es noch. Ah! Schau, gerade ist es mir wieder eingefallen«, sagte ich und symbolisierte mit meiner Hand ein kleines Lämpchen neben meinem Kopf, das ihr zeigen sollte, dass mir ein Licht aufgegangen war.
Ihr trauriger Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein Lächeln und ging in ein fröhliches Lachen über.
»Okay, ich verzeihe dir.«
»Gehen wir denn jetzt in den Zoo?«, fragte ich hoffnungsvoll.
»Da sind auch ganz bestimmt keine bösen Tiere?«
»Ganz sicher nicht!«
Sie lachte erneut, sprang aus ihrem Bett und warf sich ein Shirt über. Dann zog sie ihre hellblaue Jeans und ihre pinken Sportschühchen an. Ich liebte dieses Outfit. Darin sah sie umwerfend süß und sportlich zugleich aus. Ich war mir sicher, dass jeder andere, egal ob Frau oder Mann, eifersüchtig auf mich und meine Tochter werden würde.
Ich bin einfach der glücklichste Mann der Welt!
»Kann’s losgehen, Kapitän?«, fragte sie mich.
»Engel, die Mission kann beginnen!«
Die Zimmertür öffnete sich quietschend einen Spalt breit, durch den zwei Personen hindurch lugten.
»Frau Detsch, sehen Sie es?«
»Ja, gute Frau, ich sehe es deutlich vor mir.«
»Ich hoffe, Sie können uns helfen. Ich weiß nicht, was ich sonst noch tun kann. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um meinen Mann. Seitdem unsere sechsjährige Tochter vor zwei Jahren bei einem Ausflug in den Zoo ums Leben gekommen ist, scheint er völlig außer sich zu sein. Er ist ununterbrochen am Lachen, führt ständig Selbstgespräche, es scheint, als wäre er völlig von der Welt abgehoben zu sein. Erst gestern hat er mich gefragt, wo unsere Tochter sei. Er hat sie überall gesucht, verstehen Sie? Ich kann es nicht mehr ertragen, dieses Leid mit anzusehen. Er war doch so glücklich. Bitte helfen Sie uns – oder wenigstens ihm. Sie sind eine gute Psychologin. Bitte sagen Sie mir, dass Sie uns helfen werden!«